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ARCHIVE 2005
Netviewer auf 115 Mitarbeiter gewachsen
WirtschaftsWoche Nr. 52
Karlsruhe 17. Dezember Netviewer. Alexandra Muths Büro hat
so gar nichts gemein mit den trendigen Lofts einstiger Internetstars
à la Kabel New Media oder Pixelpark. Statt New-Economy-Utensilien
wie Tischfußball im Großraumbüro versprühen
Pappkartons spröden Umzugscharme. Die Kisten hat die 27-Jährige
gar nicht erst ausgepackt, als sie vor drei Monaten in ihr neues
Büro gezogen ist. "Das hätte sich nicht gelohnt",
sagt sie. "Anfang 2006 ziehen wir schon wieder um. Der Laden
wächst so schnell, dass uns ständig die Büroflächen
ausgehen." Der Laden, das ist die vier Jahre nach der Gründung
auf 115 Mitarbeiter gewachsene Softwarefirma Netviewer. Anfang
2005 waren es noch 55 Mitarbeiter, die nächsten 20 Stellen
sind schon ausgeschrieben. Muth leitet heute den Auslandsvertrieb,
im Sommer 2002 war sie die "Angestellte Nummer eins".
In diesem Jahr hat sie in Zürich und Paris Niederlassungen
eröffnet. Und sie hat den Auslandsanteil am Umsatz von 25
auf 40 Prozent getrieben. Gleich im Januar "geht es in London
los". Netviewer ist nur eines von mehr als 2500 oft rasant
wachsenden IT-Unternehmen in und um Karlsruhe, die seit Ende der
Neunzigerjahre gut 4000 neue Jobs geschaffen haben. Und fleißig
neue schaffen. Die Stadt ist so etwas wie Deutschlands Wissenschafts-
und Technologiehochburg. "Ein deutsches Mekka der Informationstechnik",
nennt Horst Zajonc, der oberste Wirtschaftsförderer seine
Stadt - der man das so gar nicht ansieht. Sie sei "wie eine
Geliebte, so unscheinbar, dass sie einem keiner wegnimmt",
sagt der Heimatdichter Harald Hurst. Nicht einmal 300 Jahre alt
ist die 280 000-Einwohner-Stadtt. Viele Sonnentage hat sie, auch
heute ist der Himmel hier blau, während es andernorts kalt
nieselt. Und Frankreich ist nah. Die Nähe prägte Region
und Menschen - über Jahrhunderte. Nach dem Vorbild der Pariser
Ecole Polytechnique gründete 1825 der Großherzog von
Baden den Vorläufer der heutigen Technischen Hochschule (TH).
Seit Mitte des 19. Jahrhunderts steckte das Land, so heißt
es, mehr Geld in die Wissenschaft als andere deutsche Regionen.
1888 gelang dem Physiker Heinrich Hertz in Karlsruhe der Nachweis
elektromagnetischer Wellen, die Grundlage jedes Computers. Heute
beherbergt die Stadt eines der weltgrößten Rechenzentren
und mit dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie einen
Think Tank für Kommunikation und Kultur von internationalem
Rang. Vor allem aber gründete die TH 1969 die erste Informatikfakultät
Deutschlands, " die 20 Jahre später die erste Internet-Standleitung
zwischen Deutschland und den USA schaltete - und die heute für
die IT-Firmen Reservoir für Mitarbeiter ist. Dazu kommt ein
enges, von Unternehmern wie Politikern sorgsam gepflegtes Netzwerk
zum Austausch zwischen erfolgreichen Managern und erfolgshungrigen
Gründern. Das muss auch bei Andreas Schweinbenz gefruchtet
haben. Der 38-Jährige hat Netviewer gegründet. Seine
Idee: Mitarbeiter von Unternehmen an verschiedensten Orten sollen
gemeinsam an den gleichen Dokumenten arbeiten können. Das
kam an. Fünf Monate nach der Gründung, sagt Schweinbenz,
sei das Unternehmen profitabel gewesen - und ist es seither. Und
das ist wohl, was den Unterschied ausmacht. Die Helden des Online-Hypes
verbrannten in Metropolen wie Berlin oder Hamburg nur ihre Millionen
noch schneller als ihre Visionen. Hier im Südwesten aber
sind sie keine Luftikusse, haben sie mit "Großschwätzern"
nichts am Hut. Hier behielten Leute wie Schweinbenz oder Muth
ihre Bodenhaftung - und beweisen nun, dass sich im Netz nicht
nur Geld verpulvern, sondern auch verdienen lässt.
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