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ARCHIVE 2005
Strategisches Vermögensmanagement
Ein neuer Ansatz als Ausweg aus überholten Strukturen
Mehr denn je stellt sich die Frage, ob die traditionellen Ansätze
der Vermögensverwaltung den effektiven Anforderungen der
Anleger noch gerecht werden. Durch den Ansatz des strategischen
Vermögensmanagements können kundengerechtere, langfristig
erfolgreichere Vermögensallokationen erreicht werden.
Von Cuno Pümpin und Thomas Kraus*
Wer als Neukunde sein Vermögen einem professionellen Berater
anvertraut, wird heutzutage in der einen oder anderen Form aufgefordert,
seine Risikobereitschaft zu charakterisieren: eher defensiv, eher
aggressiv, eher langer Zeithorizont oder doch eher kurzfristig?
Eine erste Ratlosigkeit macht sich in der Regel breit. Schätzte
sich etwa ein Investor vor fünf Jahren als «langfristig»
und «wachstumsorientiert» ein, dürfte das gegenwärtige
Resultat kaum dem entsprechen, was er sich damals vorgestellt
hat. Grundsätzlich ist die Frage des Beraters nach der Risikobereitschaft
des Investors natürlich sinnvoll: Die moderne Portfoliotheorie
macht ersichtlich, wie für jeden Risikotyp ein Portfolio
zusammengestellt werden kann, das bei konstantem Risiko den höchstmöglichen
Ertrag verspricht. Wie die derzeitige Praxis zeigt, ist die konkrete
Umsetzung dieser Erkenntnis aber alles andere als einfach.
Mehr Fragen als Antworten
Es ergeben sich zwei fundamentale Probleme. Erstens sind Kunde
wie Berater bei der Risikoklassifizierung überfordert. Was
genau bedeutet ein defensives Risikoprofil? Wie risikobereit ist
ein wachstumsorientierter Investor tatsächlich? Gerade in
den letzten Jahren haben viele private und institutionelle Investoren
festgestellt, dass ihre Risikofähigkeit wesentlich tiefer
und ihr Zeithorizont deutlich kürzer ist als ursprünglich
angenommen. Die Ermittlung der relevanten Inputvariablen ist,
zweitens, ein äusserst schwieriges Unterfangen. Für
eine strategische Portfoliooptimierung sind neben Risiko- und
Korrelationsinformationen vor allem Erwartungen über das
langfristige Renditepotenzial jeder Anlageklasse erforderlich.
Wie schnell sich hier das Bild der Welt verändern kann, sieht
man am Beispiel der Wachstumserwartungen für die New Economy.
Auch wenn diese beiden Probleme im Prinzip überwunden werden
können, stellen sich andere, grundsätzlichere Fragen.
Anzuzweifeln ist zunächst das Vorgehen, Investoren der gleichen
Risikoklasse immer das gleiche Portfolio zuzuweisen. Zum Beispiel
kann das Vorgehen der traditionellen Vermögensallokation
dazu führen, dass ein junger Berufsanfänger (geringe
Risikofähigkeit wegen seines bescheidenen Vermögens)
und ein wohlhabender Rentner (risikoavers wegen seines kürzeren
Zeithorizonts) sich mit exakt dem gleichen «Standardportfolio»
wiederfinden.
Umstritten ist ferner, wieweit Anlagen aktiv oder passiv, also
indexorientiert, bewirtschaftet werden sollen. Der nur schwer
zu erschütternde Glaube an die grundsätzliche Überlegenheit
von aktivem Asset Management führt (zu?) häufig zu Investitionen
in aktive - und damit teure - Anlageformen statt beispielsweise
in kostengünstige Indexfonds. Schliesslich ist zu fragen,
ob Investoren und Berater ihre individuellen Stärken richtig
nutzen. Während ein wesentlicher Teil der Anlagen mit erheblichen
Kosten aktiv bewirtschaftet wird, stellt man gleichzeitig fest,
dass tatsächlich vorhandene Stärken eines Investors
oder seines Beraters keine oder nur sehr geringe Auswirkungen
auf die Vermögensallokation haben. Damit bleibt ein beträchtliches
Wissen oft ungenutzt.
Nachfolgend sollen die Grundzüge eines neuen Ansatzes aufgezeigt
werden, der die genannten Schwächen der traditionellen Vermögensverwaltung
zu überwinden versucht. Der Ansatz richtet sich vor allem
an vermögende Privatkunden und an die sie beratenden Institutionen.
Die gleichen Überlegungen sind aber auch für institutionelle
Anleger wie Pensionskassen, Versicherungsgesellschaften, öffentliche
Körperschaften anwendbar. Während die traditionelle
Vermögensverwaltung, wie eingangs erwähnt, eine einheitliche
Allokation für alle Investoren der gleichen Risikoklasse
anstrebt, definiert im neuen Ansatz jeder Investor drei verschiedene
Sub-Portfolios. Jedes Sub-Portfolio muss aufgrund der persönlichen
Situation sowohl im Umfang wie auch in der Zusammensetzung individuell
gestaltet werden (Abbildung).
Sicherheitsportfolio als Schutzschild
In einem ersten Schritt wird ein Sicherheitsportfolio definiert.
Dieses soll die materielle Grundlage für die Weiterexistenz
des Investors sicherstellen. In der Regel wird der Investor mit
diesem Portfolio nicht nur seine materiellen Grundbedürfnisse,
sondern vielmehr seinen gegenwärtigen Lebensstandard absichern
wollen. Der Umfang dieses Portfolios wird somit zum einen durch
den gegenwärtigen Lebensstil des Investors bzw. durch die
damit verbundenen Aufwendungen bestimmt. Zum anderen spielt die
Beurteilung der Umweltentwicklung eine essenzielle Rolle. Wenn
hier mit grossen Unsicherheiten gerechnet wird (was für die
kommenden Jahre wahrscheinlich ist), fällt dem Sicherheitsportfolio
eine umso grössere Bedeutung zu. Typische Bestandteile dieses
Portfolios sind Sicht- und Termineinlagen bei erstklassigen Schuldnern,
kurze bis mittlere Bonds mit gutem Rating, rückkauffähige
Lebensversicherungen, aber auch Gold und andere Sachanlagen.
Ausrichtung an Alpha und Beta
Ein zweiter Teil des Vermögens wird dem Alpha-Portfolio zugewiesen,
in welchem die individuellen Stärken des Investors oder seines
Beraters zum Tragen kommen. Ziel des Alpha-Portfolios ist es,
aufgrund von komparativen Vorteilen eine im Verhältnis zum
Risiko überlegene Rendite zu erwirtschaften. Aufgrund seiner
individuellen Fähigkeiten wird der Investor dort anlegen,
wo er in der Lage ist, attraktive Investitionsmöglichkeiten
wahrzunehmen, die dem durchschnittlichen Investor nicht zugänglich
sind oder von diesem nicht erkannt werden. Der Umfang des Alpha-
Portfolios richtet sich danach, wie ausgeprägt der Wettbewerbsvorteil
des Investors in den definierten Bereichen eingeschätzt wird
und in welchem Umfang diesbezügliche Chancen vorhanden sind.
Verfügt ein Investor über profunde Kenntnisse in einem
oder mehreren Marktsegmenten (z. B. Immobilien), wird das Alpha-Portfolio
einen substanziellen Teil seines Vermögens ausmachen und
in diese Marktsegmente investiert sein. Verfügt der Investor
aber über keinerlei spezielle Kenntnisse, baut er auch kein
individuelles Alpha-Portfolio auf. Wie bereits erwähnt, muss
der Investor nicht zwingend selbst über diese Kenntnisse
verfügen. Hat die ihn beratende Institution in einem bestimmten
Marktsegment eine nachweisliche Kompetenz aufgebaut, so führt
dies ebenfalls zum Aufbau eines Alpha-Portfolios.
Der Vermögensteil, welcher nun noch nicht alloziert ist,
wird in einem dritten Schritt dem Beta-Portfolio zugewiesen. Dieses
Residual-Portfolio wird im Prinzip nach der traditionellen Vorgehensweise
der Portfoliotheorie angelegt, mit dem wichtigen Unterschied,
dass nur passive und damit kostengünstige Anlageinstrumente
berücksichtigt werden. Die Überlegung hierbei ist, dass
es keinen Sinn macht, in teure, aktiv verwaltete Instrumente zu
investieren, wenn man deren Identifikation nicht als individuelle
Stärke ausgemacht hat. Das passive Portfolio ist schwergewichtig
in Indexinstrumenten in globalen Aktien- und Bondmärkten
angelegt, aber auch Festgeldanlagen, Fund of (Hedge-)Funds, Immobilienfonds
usw. kommen in Frage.
Durch den hier vorgeschlagenen Ansatz des strategischen Vermögensmanagements
können viele Probleme der traditionellen Vermögensverwaltung
gelöst und kundengerechtere, langfristig erfolgreichere Vermögensallokationen
erreicht werden.
* Dr. Cuno Pümpin ist emeritierter Professor an der Universität
St. Gallen und Verwaltungsrat verschiedener Finanzinstitute; Dr.
Thomas Kraus ist Gründer von Kraus Partner Investment Solutions
AG, Zürich.
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